Prof Dr Rüdiger Horstmann

Reform oder nur Kassensturz?

"Reform?“ „Oder nur ein Pflaster auf ein marodes System?“
Reform? oder Pflaster für ein marodes System?

Was die Vorschläge der Finanzkommission wirklich sind – und was nicht

Die Bundesregierung hat eine Expertenkommission beauftragt, Vorschläge zur Dämpfung der Gesundheitskosten vorzulegen. Das klingt nach Aufbruch. Nach Reform. Nach dem großen Wurf.

Schaut man allerdings genauer hin, dann drängt sich ein anderer Eindruck auf:
Dieser erste Bericht ist vor allem ein Sanierungsprogramm für die Finanzen der gesetzlichen Krankenversicherung – aber noch keine echte Reform des Gesundheitssystems.

Das ist zunächst nicht einmal ein Vorwurf. Denn genau das war der Auftrag. Die Kommission sollte Vorschläge erarbeiten, die bereits ab 2027 wirksam werden und die Beitragssätze stabilisieren. Die eigentlichen mittel- und langfristigen Strukturreformen sollen laut Bericht erst in einem zweiten Bericht Ende 2026 folgen.

Man muss also sauber unterscheiden:
Wer diesen ersten Bericht liest und auf einen tiefgreifenden Umbau unseres Gesundheitswesens hofft, liest das falsche Dokument. Wer wissen will, wie man kurzfristig Milliarden mobilisiert, Kosten bremst und Lasten neu verteilt, ist hier genau richtig.

Das System hat ein Finanzproblem – aber nicht nur das

Die Kommission beschreibt die Ausgangslage drastisch: Wenn nichts geschieht, droht der GKV schon 2027 eine Finanzierungslücke von 15,3 Milliarden Euro. Bis 2030 würde sie auf 40,4 Milliarden Euro anwachsen. Ohne Gegenmaßnahmen würden die Zusatzbeiträge also weiter steigen.

Das ist ernst. Sehr ernst sogar.

Aber genau hier beginnt das Problem der politischen Debatte:
Aus einem Strukturproblem wird vorschnell ein reines Geldproblem gemacht.

Denn unser Gesundheitswesen leidet nicht nur daran, dass zu wenig Geld da ist. Es leidet auch daran, dass Geld an vielen Stellen falsch eingesetzt wird, Fehlanreize fortbestehen, Doppelstrukturen geschützt werden und politische Wahrheiten nicht ausgesprochen werden.

Eine echte Reform würde daher nicht nur fragen:
Wo können wir kurzfristig Milliarden einsparen?
Sondern vor allem:
Wie muss Versorgung künftig organisiert sein, damit sie besser, gerechter und effizienter wird?

Genau diese zweite Frage beantwortet der Bericht nur sehr begrenzt.

Was echte Reformen auszeichnet

Reformen sind mehr als Kürzungen mit freundlicher Überschrift.

Eine echte Reform verändert StrukturenAnreize und Verantwortlichkeiten.
Sie sorgt dafür, dass sich Verhalten im System ändert.
Sie baut Überversorgung ab, stärkt sinnvolle Versorgung, ordnet Zuständigkeiten neu und schafft Regeln, die nicht nur morgen Geld sparen, sondern übermorgen ein besseres System hervorbringen.

Ein Sparpaket macht etwas anderes:
Es senkt Ausgaben, erhöht Einnahmen oder verschiebt Belastungen.

Genau das dominiert diesen ersten Bericht.

Die Kommission selbst beziffert die Finanzwirkung ihrer 66 Empfehlungen für 2027 auf 42,3 Milliarden Euro. Davon entfallen rund 19 Milliarden Euro auf Einsparungen bei Leistungserbringern und Herstellern, 4,1 Milliarden Euro auf stärkere Belastungen oder Leistungsanpassungen für Patienten, 4,8 Milliarden Euro auf zusätzliche Beitragseinnahmen, 1,9 Milliarden Euro auf Konsumsteuern und 12,5 Milliarden Euro auf eine stärkere Finanzierung versicherungsfremder Leistungen durch den Bund.

Das ist kein kleiner Eingriff.
Das ist ein massiver finanzpolitischer Zugriff auf das System.

Aber eben überwiegend als Konsolidierung, nicht als Neuordnung.

Viel Kostenbremse, wenig Systemumbau

Die größte Einzelmaßnahme ist die globale Begrenzung der Vergütungsanstiege. Allein sie soll 2027 5,5 Milliarden Euro bringen.

Finanzpolitisch ist das nachvollziehbar. Wenn Ausgaben dauerhaft schneller steigen als Einnahmen, fliegt einem jedes solidarisch finanzierte System irgendwann um die Ohren.

Aber machen wir uns nichts vor:
Eine Begrenzung von Vergütungsanstiegen ist noch keine Strukturreform. Sie verändert nicht das Grundproblem, dass wir uns seit Jahren um die wirklich heiklen Fragen drücken:

Wie steuern wir Patienten sinnvoll durch das System?
Wie überwinden wir die teure Trennung zwischen ambulant und stationär?
Wie schaffen wir endlich eine Krankenhauslandschaft, die sich an Qualität statt an Lokalpolitik orientiert?
Wie bezahlen wir Leistungen künftig stärker nach Nutzen statt nach Menge?
Und wie organisieren wir Prioritäten in einem System, das eben nicht alles für alle jederzeit leisten kann?

Auf diese Fragen gibt der Bericht noch keine große Antwort.

Stattdessen finden sich viele Maßnahmen, die eher nach Rücknahme, Korrektur oder Kürzung klingen: Preismoratorien, Streichung einzelner Zuschläge, Rückführung von Sondervergütungen, Begrenzung von Ausgabenanstiegen, neue Zuzahlungen, höhere Steuern, mehr Beiträge, mehr Bundesmittel.

Manches davon ist vernünftig.
Aber vernünftig ist nicht automatisch reformerisch.

Der kleine harte Kern echter Reform

Ganz unfair wäre es allerdings, den Bericht als bloße Sparliste abzutun.

Es gibt darin einen kleinen, aber wichtigen Kern von Maßnahmen, die tatsächlich nach Reform riechen. Die Kommission selbst stuft nur sechs Empfehlungen in die Kategorie A* ein – also als Maßnahmen, die nicht nur Geld sparen, sondern sogar die Qualität verbessern oder Fehlversorgung abbauen können. Dazu gehören etwa verpflichtende Zweitmeinungsverfahren bei mengensensiblen Eingriffen oder Maßnahmen gegen Über- und Fehlversorgung.

Genau dort wird es interessant.

Denn hier geht es nicht nur um weniger Geld, sondern um bessere Medizin.
Hier wird wenigstens ansatzweise versucht, ein altes Tabu anzutasten:
Nicht alles, was gemacht wird, ist sinnvoll.
Nicht alles, was bezahlt wird, ist medizinisch klug.
Und nicht jede Leistung, die Einnahmen schafft, nutzt auch dem Patienten.

Das ist der Punkt, an dem Reform beginnt.

Aber dieser Bereich bleibt im Bericht finanziell klein. Die Kommission selbst beziffert die Finanzwirkung dieser A*-Maßnahmen 2027 nur auf rund 0,9 Milliarden Euro.

Mit anderen Worten:
Der wirklich reformerische Teil ist da – aber er ist nicht das Herzstück des Pakets.

Ehrlicher wäre ein anderer Titel gewesen

Man hätte diesen Bericht ehrlicher überschreiben können:

Nicht: „Reformempfehlungen zur Stabilisierung der GKV“
sondern eher:
„Wie wir schnell genug Geld zusammenbekommen, um den nächsten Beitragsanstieg zu bremsen.“

Das wäre sperriger.
Aber wahrhaftiger.

Denn das Papier tut vor allem drei Dinge:

Es bremst Kosten,
es verteilt Lasten neu,
und es mobilisiert zusätzliche Einnahmen.

Was es noch nicht tut: das System grundlegend neu aufstellen.

Das eigentliche Problem liegt vor uns

Die wirklich unbequemen Entscheidungen stehen also noch aus.

Und genau darin liegt der politische Ernst der Lage:
Der erste Bericht zeigt, wie man Zeit kaufen kann.
Er zeigt noch nicht, wie man Zukunft gestaltet.

Das deutsche Gesundheitswesen braucht mehr als ein paar neue Bremsklötze.
Es braucht eine ehrliche Debatte über Grenzen, Prioritäten, Überversorgung, Fehlanreize, Eigenverantwortung, Konzentration von Leistungen und die Frage, was solidarisch finanziert werden soll – und was eben nicht.

Solange Politik diese Fragen meidet, wird jedes Sparpaket nur das Nächste vorbereiten.

Fazit

Dieser erste Bericht ist mehr Kassensturz als Kurswechsel.

Er enthält einige sinnvolle und auch mutige Ansätze.
Aber im Kern ist er ein kurzfristiges Finanzstabilisierungsprogramm – kein großer Reformentwurf.

Das muss man nicht verdammen.
Doch man sollte es klar benennen.

Denn wenn Beitragserhöhungen vermieden, Zuzahlungen ausgeweitet, Bundesmittel eingefordert und Vergütungen gedeckelt werden, dann ist das zunächst eines: Krisenmanagement.

Eine Reform beginnt erst dort, wo ein System anders wird.
Nicht nur billiger.
Sondern besser.

Bild von Prof. Dr. Rüdiger Horstmann

Prof. Dr. Rüdiger Horstmann

Prof. Dr. med. Rüdiger Horstmann, seit 40 Jahren Facharzt für Chirurgie, war Chefarzt und Ärztlicher Direktor eines Krankenhauses in Münster sowie Leiter des Adipositas-Centrums Münster. Er arbeitet jetzt als Buchautor, wird zudem vermehrt als Keynote-Speaker angefragt und ist für Kliniken und Unternehmen als Coach für Teamprozesse mit Schwerpunkt auf der Integration aller Mitarbeitenden tätig.

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