Prof Dr Rüdiger Horstmann

Zehn Arztbesuche pro Jahr – Ist unser Zugang zu einfach?

„Überfüllte Wartezimmer sind kein Zufall. Sie entstehen, wenn ein niedrigschwelliger Zugang ohne Steuerung auf fehlende Eigenverantwortung trifft.“

Deutschland liebt seinen Arzt und seine Ärztin. Anders kann man es kaum erklären: Zehn Arztbesuche pro Jahr – im Schnitt, pro Kopf. Das ist Weltspitze. Oder Weltirrsinn. Je nachdem, wie man es betrachtet.

Ein kurzer Blick über die Landesgrenze zeigt, wie absurd diese Zahl wirkt:
Schweden: 2,6 Arztkontakte pro Jahr.
Nicht, weil die Schweden gesünder wären. Sie gehen einfach anders mit dem System um – und das System mit ihnen.

Während in Schweden ein Arzt im Schnitt 22 Minuten pro Patient hat, bleiben deutschen Ärztinnen und Ärzten 7,6 Minuten. Das ist die Zeit, die man braucht, um sich einen Kaffee zu holen – nicht, um einen Menschen zu verstehen. 

Was läuft hier schief?


Ein System, das zu leicht zugänglich ist – und zu schwer belastet wird

Viele feiern unseren unmittelbaren Zugang als Ausdruck sozialer Fürsorge: „Bei uns kommt jeder sofort zum Arzt.“ – Wohl in unterfinanzierte Notaufnahmen und die Hausarztpraxis, nicht aber zum Facharzt. Da gibt es gar keinen Termin.
Und genau diese Großzügigkeit kippt um – und wird zur Belastung.

Der Montagmorgen einer Hausärztin aus dem Münsterland sagt alles:
850 Anfragen, erzählt sie, und ein Großteil davon Bagatellen. Schnupfen, ein zwickender Muskel, ein Mückenstich, der „irgendwie komisch aussieht“. Vier MFA tragen Headsets wie im Callcenter.

Natürlich: Der Arztbesuch kostet nichts  – aus der Perspektive des Patienten.
Ein Frisörbesuch ist teurer.
Und so gehen wir. Und gehen. Und gehen.


Der reflexartige Arztgang – ein Kulturphänomen

Früher behandelte man leichte Gelenkschmerzen mit Essigsaurer Tonerde.
Heute gehen wir zum Orthopäden – sicher ist sicher.

Der röntgt. Und weil das Gerät schon einmal warmgelaufen ist, folgt das MRT.
Der Patient freut sich: „Endlich nimmt mich jemand ernst.“

Was er nicht weiß: Viele Orthopäden besitzen Anteile an diesen Geräten. Und Geräte müssen laufen. Das ist ökonomisch logisch – aber medizinisch fragwürdig. 

Der niedrige Zugang senkt Hemmschwellen – und hebt die Fallzahlen.


Das Ende der Praxisgebühr – und der Beginn des Dauerbesuchs

2004 wurde die Praxisgebühr eingeführt: 10 Euro pro Quartal.
Die Idee war einfach:

  • Bagatellfälle sollten nicht sofort in die Praxis.
  • Fachärzte sollten nur mit Überweisung besucht werden.
  • Die Kassen sollten entlastet werden.

2013 wurde sie wieder abgeschafft – „entsolidarisierend“. Und zu viel Bürokratie.
Seitdem strömt wieder jede Erkältung ins Wartezimmer. Und zwar schnell.


Ist der Patient Opfer – oder Teil des Problems?

Wir sprechen oft von Ärztemangel, Budgetierung, Bürokratie und fehlenden Pflegekräften. Alles stimmt.
Aber wir müssen eine unbequeme Wahrheit aussprechen:

Wir selbst tragen zur Überlastung des Systems bei.

Es ist nicht menschenfeindlich, das zu sagen – es ist ehrlich.

Wer für jedes Ziehen, jedes Brennen, jede unruhige Nacht zum Arzt rennt, blockiert Ressourcen. Nicht für „die Kasse“. Sondern für die Menschen, die wirklich krank sind. Für die Kinder ohne Therapieplatz. Für die chronisch Kranken, die nicht durchkommen. Für die Patienten, die abends wieder heimfahren müssen, weil die Notaufnahme voll ist.


Verantwortung? Ja. Aber bitte für alle Seiten.

Die Diskussion über Verantwortung ist in Deutschland schnell einseitig.
Wer von Eigenverantwortung spricht, riskiert Empörung.

Aber ist es wirklich unzumutbar, bei einer Erkältung erst einmal einen Tag abzuwarten?
Kann ein digitaler Check per App helfen, die Dringlichkeit einzuschätzen?
Oder auf evidenzbasierte Informationen zu vertrauen statt auf TikTok-Diagnosen?

Und bevor jemand „Rationierung!“ ruft:
Wir reden nicht über Ausschlüsse, sondern über Vernunft.


Niedrigschwellig ist gut – aber unbegrenzt ist gefährlich

Ein System, in das alle jederzeit gehen können, ohne Hürde, ohne Reflexion, ohne Steuerung, entwickelt eine Eigendynamik:
Es zieht Menschen an, bis es unter seinem eigenen Erfolg zusammenbricht.

Das erleben wir gerade:

  • Praxen ächzen unter Masse statt Klasse.
  • Ärzt*innen arbeiten im Hochgeschwindigkeitsmodus.
  • 7,6 Minuten entscheiden über Diagnose, Therapie und Vertrauen.
  • Diejenigen, die wirklich krank sind, müssen länger warten.
  • Die Zufriedenheit sinkt – auf beiden Seiten.

Gleichzeitig sinkt das Vertrauen in die ärztliche Kompetenz. Auch das ist ein Teil der Wahrheit. 


Was wir eigentlich brauchen

Nicht eine Abschottung des Systems.
Aber eine intelligente Steuerung.

Drei Elemente wären ein guter Anfang:

1. Gesundheitskompetenz

Nicht jeder Schmerz ist gefährlich. Nicht jede Sorge ist ein Notfall.
Medizinische Grundbildung sollte Teil der Allgemeinbildung sein – wie Verkehrsregeln.

2. Digitale Ersteinschätzung

In vielen Ländern selbstverständlich.
Bei uns: politisch zäh, technisch träge.

3. Eine Debatte über Eigenverantwortung

Nicht moralisch. Nicht belehrend.
Sondern pragmatisch.

Wenn das nicht reicht, muss man weiterdenken:

Evtl. eine neue Form der Gebühren pro Arztbesuch

Keine zusätzliche Bürokratisierung. Schweden könnte als Vorbild dienen.
„Was umsonst ist, hat wenig Wert.“


Fazit: Unser Zugang ist zu einfach – und zu teuer

Ein niedrigschwelliges System ist Ausdruck von Menschlichkeit.
Aber seine Nutzung muss verantwortungsvoll sein.

Wir schaffen es nicht, 850 Montagmorgen-Anfragen in sinnvolle Medizin zu verwandeln.
Wir schaffen es nicht, in 7,6 Minuten Menschlichkeit gerecht zu werden.
Und wir schaffen es nicht, Ressourcen zu bündeln, solange jeder immer alles jederzeit darf – und es nichts kostet.

Die Frage ist nicht, ob unser Zugang zu einfach ist.
Die Frage ist, wie lange wir uns diesen Luxus noch leisten können.


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Bild von Prof. Dr. Rüdiger Horstmann

Prof. Dr. Rüdiger Horstmann

Prof. Dr. med. Rüdiger Horstmann, seit 40 Jahren Facharzt für Chirurgie, war Chefarzt und Ärztlicher Direktor eines Krankenhauses in Münster sowie Leiter des Adipositas-Centrums Münster. Er arbeitet jetzt als Buchautor, wird zudem vermehrt als Keynote-Speaker angefragt und ist für Kliniken und Unternehmen als Coach für Teamprozesse mit Schwerpunkt auf der Integration aller Mitarbeitenden tätig.

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